Holding Space

Heutzutage hört man vor allem im Englischsprachigen Raum und in spirituellen Kreisen den Ausdruck „Holding Space“ sehr oft. Im Deutschen klingt der Ausdruck „Raum halten“ etwas gestelzt und bedarf vielleicht einiger Erklärung, damit man sich überhaupt etwas darunter vorstellen kann (Eckhart Tolle benutzt diesen Ausdruck übrigens auch in seinen Büchern). Es klingt vielleicht nach einem neu erfundenen esoterischen Terminus aus New-Age Kreisen. Ich sehe es eher als eine bestimmte Haltung und bestimmte Qualitätsmerkmale einer sozialen Interaktion in ganz unterschiedlichen Situationen. Sie helfen uns dabei, einen „Container“ (wieder so ein schönes englisches Wort) zu erschaffen, in dem es um Entwicklung, Heilung und Transformation geht.

Wie fühlst du dich, wenn dir jemand mit seiner ganzen Aufmerksamkeit zuhört und dir Zeit bzw. Raum gibt, um deine Emotionen und Gedanken auszudrücken? Wie fühlst du dich in einer Yogastunde, in der du eingeladen bist, den Blick ganz nach innen zu wenden um die Balance zwischen Körper, Atem und Geist zu erfahren? Wie findest du es, an einem Workshop teilzunehmen, bei dem du genauso sein darfst wie du bist, als Teil einer Gruppe, in der du dich sicher und respektiert fühlst? Natürlich sind wir gerne in Gesellschaft von Lehrern und Menschen, in deren Nähe wir uns wohl, sicher, akzeptiert und unterstützt fühlen.

Dieses sind Beispiele von „Containern“, die uns bei unserer Entwicklung und Heilung unterstützen, damit wir in unserer eigenen Geschwindigkeit voranschreiten können. Jemand, der „Raum hält“, hilft dir dabei, deine eigenen Erfahrungen zu machen, ohne dass du dich gedrängt, beurteilt bzw. verurteilt fühlst. Du gehst deinen eigenen Weg, während du auf sanfte Weise geführt und begleitet wirst.

„Raum halten“ ist nicht nur etwas für Gruppenleiter, Yogalehrer oder Therapeuten. Es kann auch im persönlichen Rahmen oder bei der Arbeit angewendet werden. Da gibt es ganz verschiedene Gelegenheiten und Rollen, bei denen es um das „Raum halten“ geht: Die Mutter, die ihrem Kind zuhört; der Masseur, der sich auf seinen Klienten einstellt; oder gute Freunde, die miteinander reden. Auch wenn diese Situationen sehr unterschiedlich sind, haben sie gemeinsame Merkmale.

 

 

Um was geht es beim Raum halten?

Heather Plett fast ganz schön zusammen, um was es beim Raum halten geht: “ Es bedeutet, dass wir bereit sind, neben einer anderen Person zu gehen, auf welchem Weg sie auch ist – ohne zu urteilen, ohne ihr das Gefühl zu geben, ‚nicht genug’ zu sein, ohne zu versuchen, sie zu ‚reparieren’ oder das Endergebnis zu beeinflussen. Wenn wir für andere Personen Raum halten, öffnen wir unsere Herzen, bieten wir bedingungslose Unterstützung an und lassen das Urteilen und die Kontrolle los.“

Dies zu lernen ist ein andauernder Prozess und nichts, dass man mit einem Zertifikat meistern könnte. Wie kann man es dann lernen? Für mich bedeutete es in der Hauptsache, andere Menschen dabei zu beobachten (Yogalehrer, Körpertherapeuten, Heiler, Freunde und Familienmitglieder), wie sie Raum für andere hielten, diese Erkenntnisse dann zu integrieren und in der eigenen Praxis anzuwenden.

Ich beobachtete dabei auch Verhaltensmuster und Ansichten, die ich nicht mochte, die der Situation nicht dienlich waren, und die den beteiligten Menschen nicht gut taten. Zu verstehen, um was es wirklich geht, kann auch bedeuten, genau sich das Gegenteil anzuschauen, nämlich was nicht funktioniert und wie man es nicht machen sollte: ungeduldig sein, andere drängen oder sie überfahren, wollen dass es andere genau so tun, wie du es gerne hättest, vorgefertigte Meinungen haben, nicht auf unterschwellige Schwingungen oder Energien eingehen, zu tief in deinem eigenen Prozess sein, deine eigenen Fähigkeiten herausstellen und dich selbst in den Mittelpunkt stellen, andere herabsetzen, Fehler verurteilen, bestimmte Emotionen verdrängen, jemanden heilen wollen oder Menschen abwerten, die gerade erst am Anfang ihrer persönlichen (bzw. spirituellen) Reise stehen.

Das ist natürlich alles sehr menschlich und man braucht eine gewisse Wachsamkeit, damit das Ego nicht zu sehr damit beschäftigt ist, seine Spielchen zu treiben. Viele der Rollen, mit denen wir uns identifizieren, hindern uns dabei authentisch zu sein, und dies wird natürlich darin gespiegelt, wie andere auf uns reagieren. Wir sind so schnell dabei zu urteilen, zu etikettieren und anderen unsere Meinung aufzudrücken, auch wenn wir nicht danach gefragt werden. In gewisser Weise hat das Raum halten viel damit zu tun, wie wir die Welt, uns selbst und andere sehen. Wenn du also selbst im Prozess der Persönlichkeitsentwicklung steckst, wird dir die Arbeit an dir selbst dabei helfen, von anderen als „Raumhalter“ geschätzt zu werden. Reflektiere dich immer wieder selbst und schaue, welche offen Themen bei dir an die Oberfläche kommen, meditiere darüber, dass wir in der Essenz alle miteinander verbunden sind, und entwickle Wertvorstellungen und Haltungen, die für das „Raum halten“ hilfreich sind.

Wenn du genau weißt, wie du selbst behandelt werden möchtest, gibt dir das ein Leitfaden, wie du auf andere zugehst. Du machst anderen ein großes Geschenk damit, indem du ihnen deine volle Aufmerksamkeit widmest, sie bedingungslos unterstützt, mit Sanftmut, Mitgefühl und Zuversicht, um Vertrauen aufzubauen und im Herzen weicher zu werden.

Meine Erfahrungen im beruflichen Kontext Raum zu halten

Ich bin in der glücklichen Lage in einem Retreat-Center zu arbeiten, in dem ich stetig üben kann für eine kleine Gruppe von Leuten, die für eine Woche zusammenkommt, Raum zu halten. Raum zu halten ist ein großer Teil unserer Arbeit hier, abgesehen natürlich von der ganzen logistischen Arbeit im Hintergrund, die dazu gehört. Wir machen es gerne, weil wir wissen, wie wertvoll es für die Menschen ist. Es geht darum, nach dem Ganzen zu schauen, während wir uns um jeden einzelnen kümmern.
Menschen aus allen Teilen der Welt kommen nach Bali, um Yoga und Meditation zu praktizieren, um sich zu erholen und den Blick nach innen zu wenden, um sich gegenseitig zu inspirieren und Erfahrungen miteinander zu teilen. So viel kann innerhalb einer Woche geschehen, insbesondere wenn sich die Menschen in einer Phase des Übergangs, der Trauer oder Stressbewältigung befinden. Es ist schön, die Gesichter der Menschen bei der Abreise wahrzunehmen, die mehr Zufriedenheit und Entspannung ausstrahlen und die Gewissheit, dass sie ihrem wahren Ich ein Stück näher gekommen sind. Ich bekomme selbst sehr viel zurück dadurch, dass ich Teil dieser Arbeit auf dieser wunderschönen Insel bin. Für mich ist es ebenso ein Platz um zu lernen und mich weiter zu entwickeln.
Wenn du auf professioneller Ebene Raum hältst, solltest du allerdings wachsam sein, dass du dich dabei nicht selbst verlierst, dass du gut auf dich acht gibst und energetisch nicht auslaugst, während du dich um andere kümmerst.

Wie kannst du üben Raum zu halten?

Es gibt so viele Gelegenheiten, bei denen du üben kannst, Raum zu halten. Wenn du mit deinem geliebten Partner zusammen bist: Erlaube Momente der Stille, in denen ihr euch einfach nun berührt, ohne Absicht und Bedingung, fühlt die zarte Berührung Haut an Haut, die Verbindung von Herz zu Herz. Wenn du Yoga unterrichtest: Beobachte erst einmal, wo deine Schüler stehen, bevor du sie anleitest. Wenn du mit einem Freund sprichst: Höre ihm genau und empathisch zu und warte ein paar Momente länger ab, bevor du reagierst und kommentierst. Wenn du inmitten deines eigenen Entwicklungsprozesses steckst: beobachte was an die Oberfläche kommt voller Neugierde und Mitgefühl, um dich selbst so zu umsorgen, als wärst du dein eigenes Kind oder bester Freund.

Die folgende Übung kann dir dabei helfen, einen Raum für Heilung zu schaffen. Du musst dabei kein professioneller Therapeut sein. Du kannst dies bei jemandem anwenden, der krank ist oder deine Unterstützung braucht, wenn starke Emotionen hochkommen. Vielleicht möchtest du einfach nur deine Unterstützung anbieten, in dem du eine Hand auf die Schulter oder das Zwerchfell deines Gegenübers legst. Lass dich von deiner Intuition leiten und sei mit deiner ganzen Aufmerksamkeit präsent, ohne auf eine festgelegte Technik oder Sequenz zu bauen. Eines meiner Lieblingszitate von Eckhart Tolle lautet: „Das Tun ist nie genug, solange du das Sein vernachlässigst.“

Nimm dir ein paar Momente Zeit, bevor du tatsächlich etwas tust. Spüre dich selbst und dann die Verbindung zu deinem Gegenüber. Atme ein und spüre deinen eigenen Raum, atme aus und spüre den Raum deines Gegenübers. Mit einem Teil der Aufmerksamkeit in deinem Rückenbereich zu bleiben kann dir dabei helfen, dem anderen genügend Raum zu lassen. Verbinde dich mit dem Horizont (auch wenn er nicht zu sehen ist), um den Raum um dich herum wahrzunehmen. Beobachte den Atem deines Gegenübers und wenn möglich, stimme dich darauf ein.
Jede Interaktion ist eine Einladung, eine Verbindung auf Herzensebene zu schaffen. Schaffe einen sicheren Rahmen, in dem alles was hochkommen möchte, erlaubt ist, und losgelassen werden kann. Erlaube jeglicher Emotion und Empfindung aufzusteigen und sich wieder aufzulösen. Lass es fließen und nimm alles an, wie es ist: Akzeptanz anstelle von Widerstand. Während du ganz präsent im Hier und Jetzt bist, wach um zu schauen, hören und fühlen, erlaubst du der Situation sich natürlich zu entfalten, im Vertrauen auf den Weg selbst und die tiefere Intelligenz unserer Körper. Lasse dein Ego und seine Wünsche beiseite treten, damit etwas Wunderbares geschehen kann, das von der Existenz von etwas Höherem durchdrungen ist. Lasse deine Arbeit und deine Beziehungen zu einer Übung in Achtsamkeit und Meditation werden, übe dich in bedingungsloser Liebe und Präsenz des Seins, in dem Wissen, dass wir in der Essenz alle eins sind.

Artikel erschienen auf Englisch im Kula Magazin Nr. 20/2015: http://issuu.com/desaseni/docs/kula_20_web

Buchtipp: Eckhart Tolle: “Eine neue Erde”

Webtipp: Was es bedeutet für Menschen Raum zu halten

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